Mittwoch, 8. Juni 2016

Beginner "Ahnma" (2016) - unabhängige Kritik.

Ok, das erste z'erst:

Raptracks zu analysieren und zu kritisieren ist ein grown man sport. period.
Einen angemessenen Verriss slash ein lobendes review eines allseits bekannten tunes zu formulieren ist im Rap-Kosmos quasi eine Kunst für sich.
Der Schreiberling setzt sich schließlich der überaus skeptischen Rezeption der Fachleserschaft aus, wobei ersterer ständig dem Generalverdacht der a) aktiven hateration oder eben b) des fanboytums untersteht.
Gar nicht so einfach also, die ganze Schose.
Viele wählen also den easy way out, indem sie ihre Einschätzung aktueller Hiphop-releases nur noch via freche twittersprüche, Hetzkommentare oder sonstige Meinungen Beleidigungen mitteilen.
Das ist Ike da strike [und einigen wenigen last real n*ggaz alive... - Anm. D. Red.] natürlich zu wenig.

Also ohne groß rum zu eiern - hier meine dezidierte verbalisierte Beschäftigung mit dem Beginner-Reunion-track "Ahnma", featuring Gentleman & Gzuz.




Der Grund warum ich mich mit diesem vergleichsweise langweiligen Stück Rapmusik überhaupt befasse, ist der folgende:
Das Infrawebs steht derzeit Kopf deswegen und es scheiden sich offenbar die Geister an diesem Track. Jagut, das ist für mich normalerweise auch kein Grund, meinen äußerst unregelmäßigst gefütterten Blog zu bemühen...aber in diesem Fall habe ich einfach das Gefühl, dass bestimmte entscheidende Aspekte dieses Universalienstreits noch nicht genannt wurden.

So las ich etwa in der doch etwas kurz und vielleicht wenig on point geratenen semi-Verriss-Stichelei von Jonathan Nixdorff (of Splashmag-fame), dass dieser empfinde, dass der Track "[...]aus der Zeit gefallen" sei, bzw. konkreter: "[...]genau so auch ein Song auf "Blast Action Heroes" sein" könnte.

Das mag zwar beim Hörer durchaus so ankommen - und mag möglicherweise dann auch so intendiert gewesen sein - nur sehe ich da noch eine ganz andere perfidere Problematik:

Die Beginner galten und gelten stets als einige der Hip Hop Hanseln, die sich quasi permanent auch mit anderer (Hip Hap) Mucke beschäftigen.
Beweise dafür lassen sich sowohl an diversesten Äußerungen, ihren feature-Eskapaden, Nebenprojekten, Radiomoderatorentätigkeiten, DJ-/"Soundsystem"-Tätigkeiten, und nicht zuletzt ihrer eigenen Diskographie erkennen.
Diese Oppas wussten stehts, was gerade wo und wie "angesagt" war, welcher sound gerade aus welchem Grund von Amiland hier rüber schwappte, und was für Strömungen hierzulande gerade auf dem Vormarsch waren und sind. Das bezog sich sowohl auf Raptechnische, z.B. textliche trends als auch auf das gesamte musikalische Geschehen. Mehr noch geht es dabei auch im Lingo, Klamotten, Gestik, Attitüde & allgemeines Gebaren - Eißfeldt, Denyo und Mad war der jeweilige state of the art und der Zeitgeist nie unbekannt noch unwichtig.
Ob man die Kerle mag oder nicht: Dadurch wussten Die Beginner sich selbst und ihr Schaffen stehts zu kontextualisieren und sich entsprechend "einzureihen".
Das zeugt zum einen von einem stark ausgeprägten reflexiven Kulturverständnis.
Kann man als Tugend auslegen.

Sehe ich aber nicht so.

Ich sehe hier in erster Linie eine (ungesunde) Überheblichkeit, ein negativ konnotiertes "sich über den Hörer stellen" bis hin zur absoluten musikkulturellen Bauernfängerei.
Wie das?
Easy:
"Ahnma", welches vom Titel her natürlich schon den formvollendeten Spagat zwischen den Ansprüchen des in die Jahre gekommen Familienväter-mit-NikeAir-Publikums, das immer noch mit Vorliebe harmlose Phrasen wie "[...]da geht einiges" und "[...]am start" sagt - und einem jüngeren, hashtaggenden Zielpublikum, welches sich lieber im vermeintlich lässig-lustigen imperativ anquatschen lässt, vollführt, kommt zunächst mit einem, äh, bedrohlichen Bass-intro. Hui.
Die Familienväter-Fans mit Füchse-Shirt werden für ein paar entscheidende Sekunden nervös: Was is das? Meine Helden jetzt als Gangstas!? HILFE!
Aaaaber nein, klar: Nicht bei den Beginnaz - war nur Spaaaaß! Spätestens die wohlig-warmen gesampleten drumrolls die sich zart im Hintergrund ankündigen müssen auch den hartgesottensten Eastpak-Rucksackträger wieder gnädig stimmen - puh, noch mal die Kurve gekrazt? Mitnichten.
Wie bereits gesagt: Unterschätzt diese Typen und ihre musikalische Sozialisation und ihr musikalisches Kalkül nicht. Das ist alles perfekt berechnet. Und trieft dabei so vor Arroganz, dass es beim Hören wehtut.


Needless to say dass der, ähm, "beat", der uns dann den Track über begleitet, so dermaßen handzahm, schwachbrüstig und radiotauglich ist, dass es einen als Hip Hop affiner mensch im Grunde schütteln müsste. Aber das bekommt der langjährige stan an diesem Punkt schon gar nicht mehr mit - der denkt, er hätte es hier mit einem Meilenstein der progressiven urbanen Musik zu tun, weil's so langsam ist, wie bei dieser neuen modernen Musik jetzt immer [...]. Und gott sei dank rappen die Oppas nicht so schnell wie diese Rapper heute manchmal, bei denen man immer nix versteht - sondern immer schööön langsam und deutlich mit End-Doppelreim, immer schön im Takt, immer schön deutsch - wie man es kennt, wie man es liebt, Klasse!
Die 187-Supporter, die auf den Gastauftritt ihres tattoowierten Messias warten, sind natürlich ebenso milde gestimmt: Bösartiges Intro - welches gerne die "CL500"-Bassline wäre - sei dank.
Die Alibi-Scratches, klassisch platziert am Ende des Tracks, haben eine ähnliche Funktion, und auch hier wird nichts dem Zufall überlassen: Um sowohl newjacks als auch die Bambule-Fraktion abzuholen, wird eben bewusst kein deutschsprachiges, geschweigedenn Beginner-eigenes vocalsample gewählt, sondern ein - huch? - Dr. Dre vocalsample. Hm. Warum? Einfach: Chronic 2001, das Album, von welchem der hier gesamplete (und nebenbei furchtbar einfallslose) "[...]still the beats bang"-Spruch stammt, ist halt einfach ein Album was sowohl die 187er-Armee als auch die HamburgCityHeftigDigga-Horde pumpt und feiert. Von den üblichen Radio Antenne Hörern mal abgesehen. Gezielte Massenkompatibilität. Wow. Herzlichen Glückwunsch. Game Over.


Zu den features und deren Funktionen muss ich dann an dieser Stelle im Grunde gar nicht mehr viel sagen - ich denke diese Thematik und die möglicherweise dahinter stehende Kalkulation seitens der Beginner wurde auch schon zur genüge besprochen.
Zu den Rap-parts der beiden Beginner-dudes vielleicht noch: Häufig habe ich bereits gelesen, dass Eißfeldts part für die meisten zumindest in Ordnung geht, während sich viele für Denyos unbeholfene Art - sowohl zu reimen als auch sich im Video zur Musik zu bewegen - fremdschämen.
So sehr ich diese Auffassung teilen möchte, bitte ich dennoch eindringlich zu beachten, dass auch an Jan Delays part wieder alles vorab zielgruppenkonform kalkuliert wurde. Er spielt die "schon immer dabei"-Legendenstatus-Karte, klar, würde vermutlich jeder machen. Hip Hop intern normalster move. Doch wie er das macht, dieses anbiedernde namedropping, die Rezitiation eigener hits, einfach alles daran ist zugeschnitten auf "bloß keine alten Fans vergraulen - trotzdem neue fans dazugewinnen". Minimaxing in Reinform halt.
Vielleicht könnte man hier auch noch den einen oder anderen Satz über das Video und diese einfältige Schwarzweiss-Hamburch-Ästhetik verlieren, aber auch hier gilt dasselbe wie oben bereits ausführlich beschrieben:
Alles dient dem alleinigen Zweck, sich selbst und die eigene Reflexionsfähigkeit über die des Publikums zu stellen, sich dadurch in der Lage zu sehen, das Publikum gezielt lenken (lies: betuppen) zu können.
Das ist meiner Meinung nach in diesen wirren postmodernen und durch und durch zynisch-ironischen Zeiten für Rapmucke aus Deutschland eines der letzten wirklich unverzeihlichen Kapitalverbrechen.
Künstler, die sich selbst für schlauer als ihr Publikum halten, sind die eine Sache - das ist schon okay, und ein Attribut, welches vermutlich auf viele die meisten zutrifft. Aber dieses Attribut dann noch derart unverblümt zur Schau zu stellen und den Konsumenten mit einem musikalischen Flickenteppich aus Bullshit und Klischees abzuspeisen, ist das allerletzte.
Und tschüss, Beginner.

Ach, bevor ichs vergesse: Das hier ist im übrigen weiß Gott kein rant eines enttäuschten ehemals-Stans, der zerknirscht und verbittert hinnehmen muss, dass seine Helden von früher nix mehr Wert sind. Ganz im Gegenteil. War nie Fan. Gehe komplett unprätentiös an die Sache ran. Und stelle trotzdem fest:

Das ist nicht nur schwaches Material, sondern eine Beleidigung für jeden Musikbegeisterten.






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