Sonntag, 11. September 2016

TRETTMANN - Sommer 2006 revisited.

Wir schreiben den späten Sommer 2016 - "Kitschkrieg Vol.2" hat bereits im Frühjahr die Schkraßen erschüttert. Gastbeiträge für das who-is-who der Szenerelevanten Sprechgesangsartisten folgen und schon feiert die hiesige Rapszene (& Peripherie) sowie alle dazugehörigen Medien Trettmann als Genregrenzen gekonnt ignorierenden Dancehalldirektor, als ersten ernstzunehmenden deutschen Autotune-Künstler oder schlicht als musikalischen Tausendsassa.
Die plötzliche szeneübergreifende Akzeptanz und Lobhudelei lässt viele newjacks möglicherweise ratlos bis verwirrt zurück, also beschäftigt sich Ike Rankin aka Ike Di General passenderweise mal mit den big tingz, die bei Trettmann vor nunmehr 10 Jahren a gwaan waren...


Achja: der Sommor 2006. Das war schon was, Freunde! Die ganze Republik im Schland-Taumel. Sommermärchen, endlich mal wieder anhaltend nai$e Temperaturen, und...naja, und dieser 1 Schunkel-Reggaehit, der so schlecht wieder aus dem Ohr ging, trotz grenzwertigen Dialekts:
"Der Sommer ist für alle da!" war die erste offizielle Single von [damals noch Rr-Rr-Ronny] Trettmann, erschienen über Germaican Records.




Das geniale an diesem tune war, dass hier offenbar ein Künstler am Werk war, der sich selbst respektive die gesamte, mitunter stark verkrustete deutsche Reggae-Szene nicht sonderlich ernst nahm.
Eine Art Money Boy Effekt für die sehr überschaubare (und damit umso leichter erschütterbare) deutsche Reggae-Szene. Viele headz waren außer sich vor Wut, fühlten sich und ihre hochheilige, äh, Lebensart persifliert und sahen in RT schlichtweg den Untergang und die Clownisierung der hiesigen (roots-)Reggaekultur. Und er machte es ihnen auch allzu leicht, ihn zu hassen: Der Dialekt, das lächerlich anmutende Outfit, das lauchige Erscheinungsbild - alles schwierig.
Der aufmerksamere Zuhörer konnte jedoch schnell feststellen, dass Ronny stets mehr darstellen wollte als einen "Comedy Künstler" [@wikipedia: thx for nothing - Anm. D. Red]:
In "Der Sommer ist für alle da!" ließ sich bereits eine interessante musikalische Sozialisation, ein ausgeprägtes Geschichtsbewusstsein und der Wille, unverbrauchtes und distinktiv Neues zu generieren, deutlich raushören. Darüber hinaus zeichneten sich die Texte schon 2006 durch ein besonderes Gespür für unverbrauchtes Vokabular aus - ein Alleinstellungsmerkmal, welches Trettmann über die Jahre stets gepflegt hat.




Ein erneuter Dekadensprung ins hier und jetzt lässt den geneigten Hörer erkennen: Die obig beschriebenen Attribute lassen sich auch heute noch deutlich in Trettmanns Musik wiedererkennen. Besondere stans wie ich, die den Typen über die Jahre hinweg gefeiert haben, seinen musikalischen Werdegang aufs genauste mitverfolgt haben und jedes noch so unbedeutend scheinende dubplate-voicing und mixtape-s/o auswendig kennen, können darüber hinaus feststellen:
Von den frühen Sachen wie eben "Der Sommer ist..." oder "Was läuft hier falsch?" über die Kollabo-Geschichten mit PnC Ranking Smo (bigop & seen an der Stelle), bis hin zu "Tanz auf dem Vulkan" und dann schließlich den brandaktuellen Sachen - die Entwicklung war eine logische und stets nachzuvollziehende.
Und diese Entwicklung ist es eben auch die ihn deutlich unterscheidet von der ganzen Armee der Cloudrap-kids, von all den Lazy-Yung-Hustensaft-Dinero-Soldaten. Letztere erzählen nämlich bei genauerer Betrachtung lediglich den gleichen alten Witz over & over & over again, und werden schneller ihre Halbwertzeit überschritten haben als sie WKM$N$HG buchstabieren können.
Dudes wie Trettmann hingegen sind here to stay. Einfach weil sie inhaltlich und musikalisch versatiler, und, mit Verlaub, anspruchsvoller sind als der nächstbeste lustige Twitterspruch-Zitierer mit ulkigem Künstlernamen.

Trettmann wurde - in Ermangelung eines passenderen Begriffs - über die Zeit "moderner", zynischer, bissiger, und bedeutend angrifflustiger was seine Kommentare gegenüber a) der Konkurrenz und b) den ewig hinterher hinkenden Meinungsmachern der Szene angeht.
So fern der frühe Ronny dem jetzigen Trettmann auch erscheinen mag, die Entwicklung ist keinesfalls artifiziell oder anbiedernd...aber die komplette Diskografie des Künstlers zu analysieren ist ein Thema für einen anderen ellenlangen Streberartikel von yours truly.

Bis dahin brüht ihr euch nochmal in aller Ruhe 'nen Kaffee auf und hört zwecks exzessiven reminiscings den "Kaffee-Mix" aus dem Jahre 2007, in dem der gute Ronny euch das mit seinen ersten 1-2 Jahren im bisiniss genauestens selber erklärt.

Kommentare:

  1. Naja, der Bericht ist nicht wirklich aussagekräftig, da Trettmanns Heckert Empire Zeit - in der er wöchentlich neue Tunes und Dubplates am Start hatte und durch legendäre Parties überall in Deutschland zum Star der deutschen Dancehall-Szene avancierte - komplett ausgelassen wurde.
    Auch die Metamorphose von Reggae, über Dancehall, zum Cloudrap wird in diesem Artikel leider nicht prägnant dargestellt.
    Alles in allem ein leider viel zu liebloser Artikel zu einem großartigen und einmaligen Künstler in Deutschland.
    Trotz aller Kritik finde ich euren Blog klasse... Keep it up!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. oh krass, ein kommentar. Find ich gut! Seit ewigkeiten nicht hier gewesen und dann einen - sogar fundierten bzw. konstruktiven - kommentar zu lesen...made my day, quasi.
      Also die Zeit wurde nicht "ausgelassen", sondern vielmehr der lesbarkeit halber subsummiert :). Denn: es ging hier ja nur über den groben Überblick darüber, dass der kerl a) super ist (no homo), und b) eine durchaus nachvollziehbare musikalische entwicklung gemacht hat. Es sollte keine erschöpfende disko- bzw. biographie darstellen. Ich versteh deine kritik, aber das ganze soll ja für den ziemlich unbedarften deutschrap-hörer oder whateva auch noch lesbar und nicht zu nerdy erscheinen.

      Löschen